Der Ort ist in Wirklichkeit schöner und viel größer

Oswald Egger

Wer, parallel zur Kunst, durch die Natur der Dinge streift, in Hombroich, dem fallen Gebäude, die ins Auge stechen, auf: oft groß­spre­che­ri­sche und auch ruhmre­dige, irgendwie ovale, in Form einer Steu­er­oase, oder so, dass sie sich, einander grün, gelb, rot, prah­le­risch überragen, unver­wandt erra­ti­sche und schon auch gars­ti­gere Archi­tektur: Das viel­ge­stal­tige Ensemble „Hombroich“ ist dann als Familie von Gebäuden und wohl­be­treuten Inter­essen gesehen, verstanden, genutzt. Das gesamte Areal, das ganze Um und Auf als verwal­te­tere Verhei­ßung einer Idee, die schwer zu erkennen und zu empfinden gebe, was sie sich verspricht, was sie sich versagt, worin immer seltener zum Vorschein kommt. Wie ein Echo, das durch Wieder­ho­lung der Beschrän­kung die Wirk­lich­keit auskostet, aber immer auf weniger Wirk­lich­keit trifft. Auf der einen Seite erscheint gleich­zeitig, was einem wohl vorgeht, was dem allem nachkommt, was dazwi­schen zischt, was im Verschwinden ist. Aber auch dann wirkt, im Hand­um­drehen, was nicht gesagt ist, oft realer als das, was vor Augen bloß vorschwebt und oszil­liert:

Das poetische tun aber habe hierin und dagegen noch andere, nach­hal­len­dere und weitere Möglich­keits­räume, Notwen­dig­keiten, Bedin­gungen: areale Areale. Wie die Idee einer Legende vom Ewigen, der durch die verschwie­ge­nere Geschichte der Ideen wandert, aber ohne Ende oder Verbän­de­rung: einmal fand er eine grüne Wiese vor, das zweite Mal eine blühende, strotz­stolze Stadt, die er aber längst verlassen haben wird. Und wenn er einst ein drittes Mal einkehrt, werde wieder eine grüne Wiese grünen, und nur wenige Steine zeigten Spuren der Bauformen, Orte und Menschen. Aber die Erbauung hat ja nicht immer mit Gebäuden und selten mit der Einmü­tig­keit und dem Zinses­zins von Zuschrei­bungen und Zubauten zu tun. Und ist oft, denen, die keinen Zugang haben, unzu­gäng­lich: ein Gelände ohne Guide und Geländer. Vermut­lich sucht, wer nichts findet, das Unbe­dingte und entdeckt statt­dessen allent­halben nur Dinge. „Was bleibet aber“, wir wissens, „Stiften die Dichter“. Und dieses andere Prinzip Hoffnung ins Offenere, allein mit poeti­schem Tun, Wort für Wort, als Denkmal gebaut zu wissen, das dauer­hafter als Erz ist (und also bleibt), ginge wohl bunt­fär­biger darin auf, von Horaz bis Hölderlin, „wie Blumen“: Nur wenn es Rosen sind, werden sie blühen.

Der Lyriker Oswald Egger arbeitet seit über 20 Jahren in Hombroich, wo er die gemein­nüt­zige Gesell­schaft Das Böhmische Dorf leitet und Programme zur zeit­ge­nös­si­schen Literatur verant­wortet.