
Im Bestand des Stiftungsarchivs befindet sich eine schmale Mappe in Ringbindung, die Karl-Heinrich Müller im September 1985 zusammenstellte. Der Titel „Insel Hombroich – Kulturland. Große Lösung“ weist bereits darauf hin, dass Müller sein Museumsareal über die Auenlandschaft an der Erft hinaus entwickeln wollte: Im Herbst 1985 waren die Bauarbeiten im heutigen Museum Insel Hombroich bereits im Gange, die Raketenstation Hombroich als späterer Ort der Künste sowie das beide Standorte verbindende Kirkeby Feld hingegen noch nicht realisiert. Das Konzeptpapier Müllers für eine „Große Lösung“ des entstehenden Museumsareals ist einerseits eine Verschriftlichung seiner Ideen, seiner Träume und seines Verständnisses der Insel Hombroich und andererseits eine Maßnahme, um für sein Projekt bei möglichen Investoren zu werben. Im Vorwort schreibt er:
„Die Insel war ursprünglich ein Traum. Ein heimlicher Traum, der plötzlich Wirklichkeit wurde. Natur und Kultur können sich hier in einer vorbildlichen Weise verbinden und je mehr man sich mit der Insel und ihrer Umgebung befasst, desto wilder werden die Träume.
Der erste Träumer, ein Sammler, verbindet sich mit Künstlern und aus dem einzelnen Träumer wird der Verbund von Träumern. Der Einfluß aller ist wichtiger als die Initiative des Einzelnen und alle geben ihr Bestes. Aber dieser Traum stößt an finanzielle Grenzen und es müßten neue Träumer hinzukommen, die auch Insulaner werden wollen.“
Im Frühjahr 1986 würde die Insel in einer ersten Stufe eröffnet werden, schreibt Müller, hieran anschließend solle sie sich „durch ständigen Zuwachs von der Kernzelle aus ausdehnen zu einer räumlich großen Lösung.“ Was diese große Lösung genau bedeutet, wird auf den Folgeseiten seines Konzeptpapiers deutlich: Unter Berücksichtigung von „Kulturbedarf“, „Naturbedarf“ und der wirtschaftlichen Betrachtung werden in der großen Lösung die räumliche Ausdehnung des Museumsareals sowie die künstlerischen Aktivitäten und Ziele dargelegt. Die räumliche Ausdehnung meint zunächst einmal die zweite Ausbaustufe in der Auenlandschaft mit weiteren 4,5 ha. Diese sollte das im Herbst 1985 bereits fertig gebaute und 3,3 ha große Kernstück der Insel ergänzen. Zudem denkt Müller die Erweiterung des Museums „in der links der Erft gelegenen Aue“ an, wozu er landwirtschaftliche Grundstücke von 2,7 ha pachten oder kaufen wollte. Darüber hinaus aber hat er schon im Herbst 1985 seinen Blick auf die Raketenstation geworfen: Mit der Pacht oder dem Kauf dieses Areals würde sein „Kulturland“ um 8,3 ha wachsen.
Die Raketenstation war zu diesem Zeitpunkt noch militärischer Stützpunkt der NATO. Was Müller nicht davon abhielt, sein Kaufinteresse bereits im Dezember 1984 in einem Brief an den Bundesverteidigungsminister kundzutun. Mit großem Durchhaltevermögen gelang es ihm schließlich die Raketenstation zu erwerben und im Frühjahr 1994 begann die Konzeptionsarbeit zum Um- und Ausbau des Areals, 1995 die aktive Nutzung und der Einzug der Künstler:innen in die Ateliers und Wohngebäude.
In seinem Konzeptpapier zur großen Lösung denkt Karl-Heinrich Müller also schon im Herbst 1985 – und damit 10 Jahre vor dem tatsächlichen Erwerb der Raketenstation – darüber nach, dieses militärisch geprägte Gelände seinem Museumsgelände anzugliedern. Im Abschnitt „g.) Raketenstation“ beschreibt er, was diesen Standort ausmacht:
„Erhaltung dieser Anlage in ihrer nüchternen, kalten Form als Zeichen dieses Jahrhunderts, Umgestaltung und Ausbau möglichst durch den Architekten Abraham, so weit dieser für das Projekt gewonnen werden kann, da er sich stark mit unterirdischer Architektur befasst hat. Unterbringung in diesem Bereich: Objekte, Dokumentation usw. aus militärischen, technischen oder wirtschaftlichen Bereichen, die eine solche Qualität haben, daß sie in der Zukunft als künstlerische Werte dieses Jahrhunderts angesehen werden können, wie Brücken, Ölraffinerien, Raketen, Flugzeuge, Computer usw. Die gesamte Atmosphäre innerhalb der Raketenstation sollte ein Gegensatz aus dem Bereich der Technik sein zu der mehr Natur- und Kulturverbindung, die in der Aue entsteht.“
Die Raketenstation war für den Stifter also ein Ort, der stets auf seine ursprüngliche Nutzung verweisen sollte. Hier sollten Objekte und Dokumente dieser spezifischen Zeit gesammelt werden und diese quasi archivisch abbilden und belegen. Dieser Schwerpunkt verschob sich über die Jahre und die Raketenstation wurde zu einem Ort der Künste. Sie wurde maßgeblich durch die Künstler:innen, deren Arbeits- und Lebensmittelpunkt die Raketenstation wurde, mitgestaltet und durch die Bauprojekte und begehbaren Skulpturen namhafter Künstler und Architekten geprägt, die neben der Bestandsarchitektur der Raketenstation das Areal gestalten. Zudem sollte die Raketenstation einen Kontrast schaffen zum Museum in der Auenlandschaft – das Raue gegen das Romantische.
Dieses Schriftdokument aus dem September 1985 zeigt deutlich, mit welcher Konzeptionsstärke, Weitsicht und Ganzheitlichkeit der Sammler sein Museumsareal konzipierte. Ein Ausschnitt dieses Archivobjekts kann neben weiteren Schrift- und Bilddokumenten in der Ausstellung „Vom Sperrgebiet zum Ort der Künste – Raketenstation Hombroich“ in den Räumen für Fotografie auf der Raketenstation betrachtet werden.
Die Reihe „Aus dem Archiv“ stellt Archivalien, Bücher, Kunstwerke und Objekte aus den umfangreichen Archiv- und Sammlungsbeständen der Stiftung Insel Hombroich vor.