Vorgestellt: Müllers Konzept „Große Lösung“

Dr. Carina Dauven, 15. Mai 2026
Karl-Heinrich Müller, Konzeptpapier „Insel Hombroich - Kulturland. Große Lösung“, September 1985.
Karl-Heinrich Müller, Konzept­pa­pier „Insel Hombroich — Kultur­land. Große Lösung“, September 1985.

Im Bestand des Stif­tungs­ar­chivs befindet sich eine schmale Mappe in Ring­bin­dung, die Karl-Heinrich Müller im September 1985 zusam­men­stellte. Der Titel „Insel Hombroich – Kultur­land. Große Lösung“ weist bereits darauf hin, dass Müller sein Muse­ums­areal über die Auen­land­schaft an der Erft hinaus entwi­ckeln wollte: Im Herbst 1985 waren die Bauar­beiten im heutigen Museum Insel Hombroich bereits im Gange, die Rake­ten­sta­tion Hombroich als späterer Ort der Künste sowie das beide Standorte verbin­dende Kirkeby Feld hingegen noch nicht reali­siert. Das Konzept­pa­pier Müllers für eine „Große Lösung“ des entste­henden Muse­ums­areals ist einer­seits eine Verschrift­li­chung seiner Ideen, seiner Träume und seines Verständ­nisses der Insel Hombroich und ande­rer­seits eine Maßnahme, um für sein Projekt bei möglichen Inves­toren zu werben. Im Vorwort schreibt er:

„Die Insel war ursprüng­lich ein Traum. Ein heim­li­cher Traum, der plötzlich Wirk­lich­keit wurde. Natur und Kultur können sich hier in einer vorbild­li­chen Weise verbinden und je mehr man sich mit der Insel und ihrer Umgebung befasst, desto wilder werden die Träume.

Der erste Träumer, ein Sammler, verbindet sich mit Künstlern und aus dem einzelnen Träumer wird der Verbund von Träumern. Der Einfluß aller ist wichtiger als die Initia­tive des Einzelnen und alle geben ihr Bestes. Aber dieser Traum stößt an finan­zi­elle Grenzen und es müßten neue Träumer hinzu­kommen, die auch Insulaner werden wollen.“

Im Frühjahr 1986 würde die Insel in einer ersten Stufe eröffnet werden, schreibt Müller, hieran anschlie­ßend solle sie sich „durch ständigen Zuwachs von der Kernzelle aus ausdehnen zu einer räumlich großen Lösung.“ Was diese große Lösung genau bedeutet, wird auf den Folge­seiten seines Konzept­pa­piers deutlich: Unter Berück­sich­ti­gung von „Kultur­be­darf“, „Natur­be­darf“ und der wirt­schaft­li­chen Betrach­tung werden in der großen Lösung die räumliche Ausdeh­nung des Muse­ums­areals sowie die künst­le­ri­schen Akti­vi­täten und Ziele dargelegt. Die räumliche Ausdeh­nung meint zunächst einmal die zweite Ausbau­stufe in der Auen­land­schaft mit weiteren 4,5 ha. Diese sollte das im Herbst 1985 bereits fertig gebaute und 3,3 ha große Kernstück der Insel ergänzen. Zudem denkt Müller die Erwei­te­rung des Museums „in der links der Erft gelegenen Aue“ an, wozu er land­wirt­schaft­liche Grund­stücke von 2,7 ha pachten oder kaufen wollte. Darüber hinaus aber hat er schon im Herbst 1985 seinen Blick auf die Rake­ten­sta­tion geworfen: Mit der Pacht oder dem Kauf dieses Areals würde sein „Kultur­land“ um 8,3 ha wachsen.

Die Rake­ten­sta­tion war zu diesem Zeitpunkt noch mili­tä­ri­scher Stütz­punkt der NATO. Was Müller nicht davon abhielt, sein Kauf­in­ter­esse bereits im Dezember 1984 in einem Brief an den Bundes­ver­tei­di­gungs­mi­nister kundzutun. Mit großem Durch­hal­te­ver­mögen gelang es ihm schließ­lich die Rake­ten­sta­tion zu erwerben und im Frühjahr 1994 begann die Konzep­ti­ons­ar­beit zum Um- und Ausbau des Areals, 1995 die aktive Nutzung und der Einzug der Künstler:innen in die Ateliers und Wohn­ge­bäude.

In seinem Konzept­pa­pier zur großen Lösung denkt Karl-Heinrich Müller also schon im Herbst 1985 – und damit 10 Jahre vor dem tatsäch­li­chen Erwerb der Rake­ten­sta­tion – darüber nach, dieses mili­tä­risch geprägte Gelände seinem Muse­ums­ge­lände anzu­glie­dern. Im Abschnitt „g.) Rake­ten­sta­tion“ beschreibt er, was diesen Standort ausmacht:

„Erhaltung dieser Anlage in ihrer nüch­ternen, kalten Form als Zeichen dieses Jahr­hun­derts, Umge­stal­tung und Ausbau möglichst durch den Archi­tekten Abraham, so weit dieser für das Projekt gewonnen werden kann, da er sich stark mit unter­ir­di­scher Archi­tektur befasst hat. Unter­brin­gung in diesem Bereich: Objekte, Doku­men­ta­tion usw. aus mili­tä­ri­schen, tech­ni­schen oder wirt­schaft­li­chen Bereichen, die eine solche Qualität haben, daß sie in der Zukunft als künst­le­ri­sche Werte dieses Jahr­hun­derts angesehen werden können, wie Brücken, Ölraf­fi­ne­rien, Raketen, Flugzeuge, Computer usw. Die gesamte Atmo­sphäre innerhalb der Rake­ten­sta­tion sollte ein Gegensatz aus dem Bereich der Technik sein zu der mehr Natur- und Kultur­ver­bin­dung, die in der Aue entsteht.“

Die Rake­ten­sta­tion war für den Stifter also ein Ort, der stets auf seine ursprüng­liche Nutzung verweisen sollte. Hier sollten Objekte und Dokumente dieser spezi­fi­schen Zeit gesammelt werden und diese quasi archi­visch abbilden und belegen. Dieser Schwer­punkt verschob sich über die Jahre und die Rake­ten­sta­tion wurde zu einem Ort der Künste. Sie wurde maßgeb­lich durch die Künstler:innen, deren Arbeits- und Lebens­mit­tel­punkt die Rake­ten­sta­tion wurde, mitge­staltet und durch die Baupro­jekte und begeh­baren Skulp­turen namhafter Künstler und Archi­tekten geprägt, die neben der Bestands­ar­chi­tektur der Rake­ten­sta­tion das Areal gestalten. Zudem sollte die Rake­ten­sta­tion einen Kontrast schaffen zum Museum in der Auen­land­schaft – das Raue gegen das Roman­ti­sche.

Dieses Schrift­do­ku­ment aus dem September 1985 zeigt deutlich, mit welcher Konzep­ti­ons­stärke, Weitsicht und Ganz­heit­lich­keit der Sammler sein Muse­ums­areal konzi­pierte. Ein Ausschnitt dieses Archiv­ob­jekts kann neben weiteren Schrift- und Bild­do­ku­menten in der Ausstel­lung „Vom Sperr­ge­biet zum Ort der Künste – Rake­ten­sta­tion Hombroich“ in den Räumen für Foto­grafie auf der Rake­ten­sta­tion betrachtet werden.

Die Reihe „Aus dem Archiv“ stellt Archi­va­lien, Bücher, Kunst­werke und Objekte aus den umfang­rei­chen Archiv- und Samm­lungs­be­ständen der Stiftung Insel Hombroich vor.