Forderung, Förderung, Startrampe
von Thomas Kling (1957–2005)

Auf der Raketenstation, da pfeift der Wind so kalt, winters; der in der ersten Jahresmitte, schnellgehend, ein heißer Texas-Atem war. Der flache, mit dem Turm versehene Bau, das, was früher einmal der Hauptbunker war, der Befehlstand, in dem die GSG 9 zum Schluss noch ein bisschen geprobt hat – dieses Gebäude, bis vor kurzem aus Schießscharten linsend, ist seit Dezember ’94 zum Ausgangspunkt meiner und Ute Langankys Arbeit geworden. Wie die Insel Hombroich ist die Raketenstation als Heraus-Forderung, als Förderung und Startrampe zu gemeinsamen, gemeinschaftlichen Unternehmungen zu verstehen. Auch von unserer Seite ist ein erstes Ergebnis greifbar: ein erstes Buch, »gelände«, liegt vor. Die Raketenstation als »gelände« – als augenfälliges Denkgelände ist unsere zeitgeschichtliche Sicht auf die Hombroicher Basis in ihrer bereits gewandelten und in weiterem stetigem Wandel begriffenen (Archi-)Tektonik. Gedankengebäude entstehen, die Anpflanzungen entwickeln sich.

Hallen, Hangars, Bunkersysteme; teils unterirdische Anlagen: retrospektive Blicke, die wir, als Teil unserer Geschichte einer alten Bundesrepublik nicht aus den Augen verlieren dürfen. Da ist das alte Glas: Panzerglas, das, bis hinaus in den Beobachtungs-Turm, irgendwann nach dem Abzug der belgischen Einheit noch gründlich zerschossen worden ist. Virile Probe einer einheimischen Sondereinheit, was weiß man Genaues. Auf jeden Fall haben die Jungens ihren eigenen »GSG 9«-Aufkleber. Fragen Sie die Anstreicher; die hatten nämlich nachher in Geduldsarbeit die MPi-Projektile aus den Wänden zu puhlen.

Hombroich, die Raketenstation sei – Worpswede?
Das glauben Sie besser nicht.

Wir sehen, vordergründig, auf eine Düne. Das kann der Dichter sagen, weil der Himmel, täglich anders, als Lichtdünung und alter Niederländerhimmel angesehen werden kann. Wir blicken, nach hinten heraus, auf eine Düne: einen Wall, der Splitterschutz gewesen ist.
Der Bunker ist unsere Nachthütte in den Kürbisgärten geworden; ist Atelier, Bibliothek, Arbeitsraum, Labor inmitten dieser Rübenäcker, um genau zu sein. Da stellen sich Fragen ein, Fragen vom Kaliber: Ist das nun ein Rotkehlchen oder doch ein Gartenrotschwanz? Der Städter legt das Eschenbach-Glas zur Seite, greift zum Vogelbestimmungsbuch und erkennt den Stieglitz an der Gesichtsmaske. Faxe treffen ein, das Telefon lässt keine Ruhe.

Hombroich – Rhizom.

Steile Dochte oder winkelbildende, nach Wetterlage abknickende Wasserdampf – Wolken, was für Werke, die mit den schleunigen Winden gehen. Wendige, klare Luftströme, die sich austoben über dieser klimatischen Schnittstelle am Nordrand der Kölner Bucht. Hombroich gehört spürbar schon zur Tiefebene, die vornehmlich aus Sumpf bestand (niederrheinisch: Broich, mit langem »o« gesprochen), aus ineinander übergehenden Mooren, rechts und links des Erft – Flusses, eine feuchte Landschaft, die unter den Füßen Glucksen hervorrief; eine aufquellende, blasenwerfende Gegend, der Fäulnisgase entstiegen.

Die Ortsnamen hier zeigen, dass es vordem Siedlungen waren in Sümpfen, Gehöft-Konglomerate auf nassem, überschwappendem Land, durch Knüppeldämme müssen die verbunden gewesen sein. Ein schwer erreichbarer, unter Mühen nur zugänglicher Landstrich, dessen höchste Erhebung, nicht mehr als eine Bodenwelle eigentlich, die Raketenstation ist. Rundum die mergelhaltigen, die säuerlichen Äcker, von Heckeneinfassungen befreit, so kommen die Vögel in Scharen zu uns – auf die Insel, auf die Raketenstation.
Jetzt gerade: Luzide Panzerplatte der Himmel. Regengüsse, die den Boden durchsuppen; und borstig, grannenhaft, federwolkig der Hombroichhimmel. Hinten liegt Düsseldorf, hinterm unsichtbaren, bestimmenden Rhein.Sommers eine in der Dämmerung von links ins Bild hineingeratende treuherzige Mongolfière. Touristen, aeronautisch – auch sie wissen die Luftströme hier zu schätzen. Bei tiefer und tiefer gehender Fahrt droht ihnen der Ballon in die königliche Birke zu brettern, um dann unmittelbar hinter der Halle von Growe und Schmidt, als knallgelber, schlaffer Sack, dem die Heißluft entweicht, in die Knie zu gehen.
»Lad’ doch Deine Dichterfreunde ein!«

Karl-Heinz Müller, der Mann in der Wolljoppe, wie er durch das Treppenhaus am Türmchenswall in Köln hochstiefelte (in ‘ner Wolljoppe?! Uns traf der Schlag …).
Müller, Kunst- wie Künstlersammler, ausgerüstet mit enormem Jagdinstinkt und ideengeladen bis zum Platzen; ein guter Zuhörer, ein Düsseldorfer und mächtiger Gargantua, Müller äußerte schon bald nach unseren ersten Treffen seinen Wunsch nach mehr Literatur, nach Dichtern und Dichterinnen aus jüngeren Jahrgängen, um auch in der anschließenden Dichtergeneration die Weiterarbeit am Projekt Hombroich zu sichern. Müllers dringlich vorgebrachter Wunsch war klar der Anstoß, der zur Installation der Reihe Hombroich: Literatur geführt hat und die, erstaunlich schnell, ein Stammpublikum gewinnen konnte.

Es hat seit Inselbeginn immer namhafte Dichter gegeben, die hier gelesen haben; und es sind wohlklingende Namen darunter: Artmann aus Wien, der Doyen der Avantgarde-Lyrik nach 1945 und (ein Vierteljahrhundert zu spät!) Büchnerpreisträger von 1997. Ich nenne noch den international einflussreichsten deutschen Dramatiker nach Brecht: Heiner Müller, der, wie man sagen darf, der Insel verbunden gewesen. Christensen, die führende Dichterin Skandinaviens, und Pastior. Hombroich ist seit Mitte der 90er Jahre, deutlicher als vorher erkennbar, mit der Raketenstation zu einem Ort der Literatur geworden. Ein Ort der deutschen Dichtung in erster Linie, mit Lesungsteilnehmern und -teilnehmerinnen aus Österreich, der Schweiz, Italien, England und auch Russland.

Lichtdüne der Sprachen, Naheinstellung auf Gespräche.Als Gastherausgeber des Heftes 5/1996 der bei Hanser in München erscheinenden Literaturzeitschrift Akzente bekam ich Gelegenheit, eine Sammlung gegenwärtiger deutschsprachiger Gedichte zu edieren. Die neun Dichterinnen und Dichter dieser auch im Ausland beachteten Anthologie waren inzwischen alle unsere Gäste bei Hombroich: Literatur. Dies sind die Namen: Aebli, Beyer, Czernin, Egger, Köhler, Schmatz, Tawada, Tsangaris, Waterhouse; Köllges, der Schlagzeuger und Scatmeister, war hier. Wir erinnern uns an die Lesung der wunderbaren Anne Duden aus London. Und keiner ist darunter, der nicht mit Kusshand wiederkommen würde. Fragen Sie das Publikum. Wir alle werden uns erinnern. Wir erinnern uns in unseren Arbeiten – das können Sie glauben.

Auszug aus dem Inselbuch
Erstausgabe 1998