Topos
von Bernhard Korte

An einem Samstag im April 1984 bat mich der Kunstsammler Karl-Heinrich Müller in seinen Garten. Er eröffnete mir, er wünsche sich die Insel Hombroich als einen Garten, so schön wie den von Claude Monet in Giverny. Auch plane er dort inmitten von Landschaft und Natur ein öffentliches Museum für Kunst samt Ateliers. Ich fand die Insel Hombroich verwildert und überwachsen vor. Die zu ahnende Ordnung im Widerstreit mit dem sich einstellenden Chaos war reizvoll. Das Wilde förderte das Erfassen der Spiritualität der Erftaue. Ich bemühte mich, diesen spontanen, zufälligen, chaotischen Ansatz der Natur mit dem Freilegen der alten Konzeption zu vereinen.

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Als sich um 1820 die Wuppertaler Industriellenfamilie de Weerth Hombroich als Landsitz wählte, entstand dort erstmals eine geplante Parkanlage. Es war ein streng axial gegliederter Entwurf, wobei die Achsen sich zum Teil weit draußen in der Landschaft als Wirtschaftswege wiederfinden. Zahlreiche in jener Zeit um das Rosa Haus gepflanzte Bäume sind inzwischen zu stattlichen Exemplaren herangewachsen, darunter mehrere herrliche Blutbuchen, eine Gerichtseiche und eine 35 m hohe Sumpfzypresse mit einem Stammumfang von fünf Metern. Eine im Wortsinne einschneidende Veränderung für Hombroich brachte um 1900 die Grabung eines Erftumlaufes mit sich, denn dadurch wurde der seinerzeit etwa drei Hektar große Landsitz zu einer richtigen Insel. Diese wurde einige Zeit später von einem Herrn Lensing erworben; er wohnte dort bis nach dem Zweiten Weltkrieg und galt vielen als exzentrisch und verschlossen. Seinem Tun – er ließ zum Beispiel Hombroicher Waldveilchen zu Salaten herrichten, Kronleuchter in den Bäumen auf der Insel anbringen oder auch absonderliche Skulpturen aufstellen – verdankte Hombroich bald einen Ruf als eine geheimnisvolle, verschlossene Welt. Das ist in der Bevölkerung noch heute sehr gegenwärtig.

Erst 1984 wurde die Insel dann von Karl-Heinrich Müller mit der Absicht erworben, der Öffentlichkeit seine Kunstsammlung zu präsentieren. Zunächst wurden die vorhandenen Bauten restauriert und umgenutzt – das Rosa Haus beherbergt heute Aquarelle und Zeichnungen, und in einer ehemaligen Scheune arbeitet und wohnt der Bildhauer Anatol Herzfeld, der sich eine Landschaft aus Findlingen, Bleihaus, Wildblumenkanone und Datscha schuf. Nach Entwürfen und Plänen des Bildhauers Erwin Heerich wurden auf der Insel zudem neue Pavillons errichtet: sie gleichen eher begehbaren Skulpturen als musealen Schauhäusern – Karl-Heinrich Müller nennt sie Kapellen in der Landschaft. Das Leitmotiv der Insel wurde auf Anregung des Malers Gotthard Graubner Kunst parallel zur Natur, in einem übertragenen Sinne nach Cézanne. Gotthard Graubner prägte die Insel vielfältig, sowohl durch die Zusammenführung von Menschen, wie Musiker, Literaten, Journalisten, Schauspieler, und Politiker, und vor allem durch die formale Interpretation der Sammlung Karl-Heinrich Müller in Zusammenarbeit mit der Kunsthistorikerin Kitty Kemr, die die Kustodin der Kunst und der Festivals ist, eine umsorgende Hüterin.

Der Park wurde durch mich nach idealtypischen Vorstellungen restauriert. Anregung hierfür bot vor allem eine im Jahre 1807 von Tranchot erstellte Karte der Gegend, die eine bäuerliche Mischstruktur von hoher ökologischer Effizienz zeigt: Äcker und Obstwiesen auf der Schotterterrasse und Viehweiden in der Talaue. Diese bukolische Landschaft war das Vorbild für alle konzeptionellen Überlegungen zur Parkgestaltung. Durch Landzukauf und Bodenaushub wurde es sogar möglich, 1986 und 1987 neue Inseln anzulegen. Das Projekt bot die wohl einmalige Chance, in einer durch den Braunkohletagebau weithin veränderten und teilweise zerstörten Region wieder eine ideale Landschaft mit Flüssen und Weihern, mit umfangreichen Neupflanzungen und bunten, sinnenfrohen Wiesen zu schaffen – eine wirkliche Lebensgemeinschaft von Pflanzen, Tieren und Menschen.

Der erste Arbeitsschritt dazu war der Nachweis eines verschütteten, 500 m langen Erftumlaufs, der schon um 10.000 v. Chr. auf Hombroich existiert haben muss; im Luftbild ist dieser heute reaktivierte Umlauf deutlich als Schattenriss zu erkennen. Nach Auspflockung wurde er bis zu einer Tiefe von drei Meter untersucht. Dabei stellte sich auf einer Sohle in zwei Meter Tiefe eine 40 cm mächtige Schicht ein, in der sich – vermischt mit Braunerde, Sanden und Kiesen – Pflanzenreste und Humus fanden. Die Pollenanalysen von drei unterschiedlichen Humusproben zeigen eine ehedem offenbar vielfältige Pflanzenwelt und machen deutlich, welch Artenverlust im Vergleich zum herkömmlichen Erftufer heute damit verbunden ist. Die Erdarbeiten im Januar und Februar 1986 ergaben dann tatsächlich ein ehemaliges Flussbett mit teilweise über einen Meter mächtigen Humusablagerungen. Die 1984 dazu erworbenen 14 Hektar im Landschaftsschutzgebiet waren eine reine Ackerfläche ohne Baum und Strauch, ohne jedes Wasser. Nach gründlichen Recherchen entstand eine renaturierte Aue, die in Abstimmung mit den Naturschutzbehörden als Voraussetzung galt für die Baugenehmigung von weiteren Ausstellungsgebäuden. Die Zuweisung renaturierte Landschaft, Wiederentdeckung einer alten Landschaft genügte mir als Konzeption nicht. Ich wollte eine Landschaft von großer Klarheit, großer Rationalität und einem begründeten Nebeneinander von Wiesen, Wasserläufen und Wasserflächen, mit einer begründeten Verteilung der aus Belgien eingeführten Kopfweidenbaumskulpturen. Da war nicht die große Achse, sondern eine Lebensgemeinschaft unter der Himmelskuppel, die Ganzheitlichkeit einer Landschaft, die sich formal nach Gewichtigkeit der aufrecht stehenden Volumina wie Architekturen, Hecken, Bäume und Horizonte in Beziehung zu den Wiesen, Wegen, Wasserflächen herleitete.

Der Kern meiner Arbeit auf Hombroich resultiert aus dem Sinnkreis Pflanze. Pflanzliches Leben verläuft in einer Ordnung, die uns Menschen heute vielfach verloren ist, nach der wir uns aber sehnen. Gärtnern hat seinen besten Sinn in den Symbolen und Zeichen für eine freie Interpretation, aber auch in Zeichen, die Inhaltliches belegen. So etwa die Kraft der Natur im Aufschießen von Eschenjährlingen, die Fremdartigkeit einer jungfernfrüchtigen Birne, der rein männlichen Nachkommenschaft eines Hermaphroditen oder den Übergangsstadien, die in Gärten häufig keinen Platz finden, zum Beispiel Samenstände, Baumruinen oder gefallenes Laub. Vor allem in der Auseinandersetzung sind sich Kunst und Naturdarstellung gleich: Rückführung auf grundlegende Erfahrungen, fragende Ansätze und schließlich das bestimmte Handeln. Der symbolische Nutzen des Gärtnerns ist der beste Sinn, denn die Gärten, die man schafft, sind bedroht, oder man geht aus ihnen fort. Hombroich als Heimat für die aus allen Ländern herbeigeholten Pflanzen war bedroht; das belegt eine Kartierung der Gehölze. Einheimische Pflanzen wie Eschen, Ahornbäume, Holunder und Brennnesseln erstickten exotische Arten wie Sumpfzypresse, Platane, Zerreiche, Säbeltanne, Hemlocktanne, Tulpen- und Trompetenbaum, Robinie, Amberbaum, Scheinzypresse, Lebensbaum, Zeder, Pavie, Christusdorn und Schnurbaum. Der Gehölzkartierung folgte eine behutsame baumpflegerische Behandlung – im Bereich der Besucherwege etwas stärker und im eigentlichen Bestand nur sehr zurückhaltend. Es wurde vor allem eingegriffen, um die Konkurrenz auszugleichen; die bloße Wegnahme einer Esche etwa aus rein formal-ästhetischen Kriterien unterblieb. Besonders verblüffend war der erstrebte Konkurrenzausgleich bei den Brennnesseln, die anfangs flächendeckend jedes differenzierte Staudenwachstum unmöglich machten. Nach einer Vegetationsperiode des Jätens stellte sich im darauffolgenden Jahr – unterstützt durch Pflanzung einiger Wildstauden sowie durch Aussaat von in der Nachbarschaft gefundenen Wildblumensamen – eine quirlige Staudengesellschaft ein, und die Museumsbesucher nahmen phantasievoll an dem Wiederauffinden verlorener Pflanzen teil. Auf den großen Wiesenbereichen, die Ausblicke auf die Erft, die Motten und die Gehöfte freigeben, hatte sich unter Zuhilfenahme einer Wildblumenmischung der Pflanzenwuchs ebenfalls sehr schnell eingestellt. Bei der großen Naturferne vieler Menschen ist die Gestaltung einer pflanzlich bestimmten Umwelt in Verschiedenartigkeit und Üppigkeit ein Nährboden für Natursehnsüchte, der Sehnsucht nach Ganzheitlichkeit und auch nach einer sinnvollen Beschäftigung. In dieser Auffassung wurde ich bestärkt durch den Dialog mit Hildegard Schöneck Schwegler und ihre jahrelange tatkräftige Unterstützung. Im Jahr 1992 wurde die Insel Hombroich durch weiteren Landkauf von fünf Hektar ein zweites Mal erweitert. Der Auenbereich wurde verlassen. Es kamen Felder der Schotterterrasse hinzu. Ein unmittelbar angrenzender Bauernhof, der schon im 15. Jahrhundert benannt wurde, weist auf die jahrhundertealte ackerbauliche Nutzung der Terrasse hin. Die Haltung der Bauern zur Natur ist geprägt durch konsequentes Bestimmen der Naturläufe. Die formale Feldauffassung ist durch Nützlichkeit bestimmt. In der bäuerlichen Ausformung unserer Kulturlandschaften liegt ein alter Schlüssel für den Zugang des Menschen zur Natur, nicht der mitfühlende, aussöhnende oder mystische Zugang, sondern das Bestimmen der Wuchsformen, des Geschlechts, der Blüte usw.

Ich fügte dieser Kulturlandschaft freie Zeichen bei, gleich einem Bauern, der Obstfelder anlegt. Ein horizontal abgeschnittener Eschenwaldquader schiebt sich in einen amorphen Eschen-Traubenkirschenbusch. Im strengen, engen Raster wurden die 18er bis 20er-Eschenholzstämme gesetzt mit einem Stützpfahl gegen den Westwind. Mit großer Befriedigung sah ich die Akkuratesse und Reinlichkeit des neuen Waldes. Im Frühjahr 1993 wurden die angewachsenen über 170 Eschenhochstämme auf einer Höhe von 400 cm gleichhoch geschnitten, und das soll jedes Jahr geschehen. Wie schon bei der landschaftlichen Konzeption unten in der Aue geschehen, recherchierte ich auch hier Strukturen, formale Möglichkeiten, Geschichte und beteiligte Menschen des neuen Ortes. Unter Berücksichtigung der baulichen Volumina wählte ich einen zweiten Bereich für ein freies Zeichen: ein Quadrat aus Kopfeschen, deren Stammhöhen ich nach innen abstufte über 350 cm, 300 cm, 250 cm und 200 cm. Innen bildete sich ein quadratisches Forum. Ein dritter Bereich ist ein Weinberg, der sich als nach Süden aufgeschüttetes Viereck diskret aus der Topographie herausschiebt. Walnüsse, eine Maronenallee, ein wilder Obstgarten oszillieren zusätzlich um das Thema einer bäuerlichen Landschaft. Dieses massive Eingreifen in Erd- und Pflanzenstrukturen legt durch den zweckfreien Ansatz die Manipulation, die Macht und Ohnmacht bloß. Es sind freie Zeichen, die rätselhaft, aber auch mathematisch abgeleitet erscheinen, stellvertretend für die ambivalente Betrachtungsmöglichkeit von Natur. In ihren Extremen hilfreich für den, der sich eine Formensprache erarbeitet, einen Pfad für sich durch den Dschungel Natur durch Verlässliches sucht. In den zurückliegenden zehn Jahren entstanden auf der Insel Hombroich drei Landschaften in jeweils unterschiedlicher Konzeption, in je eigener Sprache. Der Inselgedanke des alten Parks, dieses idealtypischen Bereichs, hat sich übertragen auf die gesamte erweiterte Insel Hombroich, auf die Landschaften, die Menschen. Sie genügen sich aus sich selbst heraus und sind different untereinander und zu anderen.