Hombroich – Ein offener Versuch
Karl-Heinrich Müller (1936-2007)

Die Insel ist urweiblich.
Sie gebärt, hält zusammen, stützt, dient und lässt frei.
Sie ist kein Muss, sondern ein Darf.
Sie ist nicht entweder – oder, sondern sowohl – als auch.
Sie fordert jeden zur täglichen Auseinandersetzung mit sich selbst.
Sie ist kein männliches Feld für Organisation, Hetzjagd, Anhäufung, Macht und Demonstration.

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Das Inselgeschehen war nie vorausberechenbar, meistens nicht vorstellbar. Es kam Vielfältiges unter ein Dach, von unsichtbarer Haut zusammengehalten; ein Netz von Menschen, Vorstellungen und Arbeit, das sich ständig fester und enger knüpfen durfte und an Ausdehnung gewinnen konnte. Vielleicht ist die Insel nur zu erleben, nicht zu beschreiben.

Die am Aufbau der Insel Beteiligten haben bei aller Andersartigkeit ein Gespür für das Wir. Unterschiedliche Charaktere, Temperamente und Herkünfte wurden durch ein unsichtbares Band gemeinsamer Grundhaltungen und Grundvorstellungen, was geschehen und was nicht geschehen darf, zusammengehalten. Wenn es Ausrutscher gab, wurden diese bedauert und verziehen. Schwierigkeiten, die unüberwindlich schienen, waren am nächsten Tag beigelegt – wie stürmische Wolken sich verziehen. Seelenverwandtschaft macht ein Tätigwerden auf der Insel möglich. Die Arbeit hat alles und alle zusammengehalten. Im Grund sorgt jeder dafür, dem anderen eine Plattform für seine Gedanken und seine Arbeit zu ermöglichen. Bissige Eifersüchteleien, herbe Kritik und aufkommende Eitelkeiten warfen oft ihre Schatten. Letztendlich stellte sich jeder wieder hinter die Sache. Es gab und gibt keine Hierarchie, keine Rangordnung. Vorsichtiger Zusammenhalt und mäßiges Größerwerden schaffen natürliches Wachstum.

Jeder Inselbeteiligte, ob jünger oder älter, hat ein starkes eigenes Leben und seine persönliche Arbeit. Er steht auf eigenen Füßen und kann und will ohne die Inselgemeinschaft auskommen. Diese individuelle Stärke macht Ketten und Verträge auf der Insel sinnlos; sie macht es möglich, dass es zum Austausch von Geben und Nehmen kommt, ohne Aufrechnung von Mehr oder Weniger. Die Insel-Arbeit ist kein Wettbewerb mit anderen, die anderswo auf gleichen Gebieten tätig sind. Niemand will hier etwas besser machen, als es dort geschieht. Es ist nur anders, und es ist, wie die Menschen sind.

Die Insel ist ein kleiner Raum, auf dem sich Menschen aller Kulturkreise treffen. Trotz ihrer kulturellen Unterschiede fühlen und merken sie, dass sie Gemeinsames verbindet. Übertrieben kann man sagen, es ist ein kleiner universaler Kulturkreis von Amerikanern, Chinesen, Europäern, Japanern und Russen, die in buddhistischer, christlicher, jüdischer, orthodoxer und taoistischer Welt aufgewachsen und geprägt sind. Es sind in erster Linie Menschen, sie stecken in keiner Zwangsjacke, folgen keinem Ismus und sind sich ihrer Ursprünge und Herkunft bewusst und verantwortlich. Sie bauen kein gemeinsames Haus, sondern sind ihren Gemeinsamkeiten verpflichtet. In sich stabil, verwischen sie nicht ihre persönlichen Grenzen. Auf der Insel ordnen sie einen Teil ihrer Arbeit und ihres Lebens in das Inselleben ein, mal mehr, mal weniger, immer aber mit Zuneigung.

Stetige Veränderung und Wandlung ist das Wesen der Insel. Dadurch bleibt die Zukunft im Dunkel. Die Beteiligten haben keine Vorstellung von Fortschritt und Ziel. Sie wissen, dass es keinen Stillstand oder Rückzug gibt und das Ende offen bleibt. Die Insel soll keine feste Form erhalten, sondern veränderlich bleiben. Trotz des räumlichen Wachstums kann man die Behauptung aufstellen, dass die Insel sich ständig durch Verringerung und Beschränkung vermehrt hat. Es gibt Hoffnung, dass dies so bleibt und die Zukunft der Insel in allen Bereichen Menschen zuführt, die ähnliche Grundvorstellungen haben wie die bisher Beteiligten, und dass die folgenden Generationen an Ernsthaftigkeit und Liebe zur Sache nicht nachlassen.

Das Wachstum der Insel war stetig, ohne theoretische Vorplanung. Die Ansteckung durch den Inselbazillus geht über die Grenzen hinaus. Die Insel belegt, dass Kultur viele Träger hat. Zur Keimzelle, die durch bildende Künstler, Gärtner, Komponisten, Musiker und Dichter entstand, kamen Menschen aus Wirtschaft, Politik und Administration. Für das Entstehen sind sie alle gleichbedeutend. Architekten, Wissenschaftler und Persönlichkeiten aus unterschiedlichen religiösen und ökologischen Bereichen folgten. Sie alle sind die Insel.

Respektierung der Natur durch alle, weit über das Maß hinaus, das heute üblich ist, gibt dem Inselgedanken Sinn. Die Umwelt und Mitwelt, die die Natur für die Menschen bildet, wird von allen hoch geschätzt und bildet unausgesprochen eine Einheit mit der Arbeit und den Vorstellungen über das Leben bei allen Beteiligten. Die Inselnatur ist kein andersartiger Park für Menschen, sondern eine Heimstatt für Tiere und Pflanzen, denen der Mensch begegnen kann. Auch die Renaturierung auf der rechten Erftseite – oder bei der räumlichen Ausdehnung zur Raketenstation – steht immer unter diesem Gesichtspunkt. Nicht der private Garten, sondern die Natur für alle, Pflanzen, Tiere und Menschen, wird gesucht und gehegt. Ein scheinbares Chaos und Überwuchern unter den Pflanzen ist ein Prozess, der nicht abgetötet wird, sondern dem man möglichst große Freiheit lässt.

Wie soll man das alles benennen: „Metaphorisch ‘Insel’ oder historisch ‘Hombroich’, oder wartet man auf die zukünftige Entwicklung?“ „Steht im Vordergrund die Museumsinsel, die Natur oder das laborartige Arbeiten, das in der Zukunft die Raketenstation und die Landschaft um sie herum bestimmen wird?“ Je mehr entsteht, desto wahrscheinlicher wird Hombroich, die Örtlichkeit, zum Namensträger werden.

Ein Name wird sich selbst prägen.

Die einzelnen kulturellen Bereiche und die dazugehörigen Gebäude müssen weiter ausgebaut werden. Dies geht nur, wenn Menschen, die spirituell arbeiten, von einem Investor mit offenem Herz und einer eigenen Liebe zur Musik, zur Religion, zur Wissenschaft oder bildenden Kunst zu Beginn gestützt werden. Der Bau eines Gebäudes darf für den Investor keine Geldhingabe sein, sondern muss getragen werden von dem Gefühl für die Gemeinsamkeiten bezüglich einer bestimmten Sache. Ein Verständnis für das Ganze ermöglicht einen Einsatz für das Einzelne. Wer das Gefühl hat, ein Anhängsel zu sein, bringt nicht genug ein. Jeder muss sich seiner Position und seiner Bedeutung im Ganzen sicher sein. Der Dank gebührt allen am Ausbau und an der Lebendigkeit von Hombroich Beteiligten für ihr Nachdenken, für Ausdauer, Mut und Haltung zur Sache, zu ihrer Insel: zur gemeinsamen Arbeit, die sie alle lieben.

Die Insel duldet und wünscht neue Menschen, Frauen und Männer.
Sie lockt, verführt und nimmt ein, zwingt aber zum Dienen.
Sie huldigt dem Dürfen.
Sie vertraut dem, der ernsthaft ist.
Sie ist ein Weg, auf dem man durch unterschiedliche Versuche in unterschiedlichen Bereichen gemeinsame Erfahrungen und Ergebnisse sammelt.
Die Insel hat kaum Platz für Männlichkeit.