Walter Biemel
Das Geschehen der Wahrheit

Dass es die Museums-Insel gibt, ist ein Wunder. Was hier geschieht, war nicht vorauszusehen, ist deswegen auch nicht leicht zu beschreiben und zu fassen. Zunächst einmal ist das Außergewöhnliche, dass hier nicht einfach etwas gegründet und festgelegt wurde, sondern dass hier ein Prozess ins Leben gerufen wurde, dass die Insel ein Ort ist, an dem geistiges Leben entspringt.

Aber was ist ein Ort, an dem geistiges Leben entspringt? Heidegger hat dem Wesen des Ortes nachgedacht, in verschiedenen Texten. Der Ort ist nicht ein bestimmter Punkt des Raumes, sondern der Ort ist vielmehr das, was den Raum möglich macht. Um den Ort und seine Bedeutung zu verstehen, müssen wir wissen, was es bedeutet, dass der Mensch das Wesen ist, das wohnen kann. Ort ist die Stätte, an dem der Mensch heimisch wird. Ort ist sehr selten.
Die Menschen sind heimatlos. Ein Zeichen dafür ist die zunehmende Gewalt. Man meint, mit Gewalt seinen Platz auf der Erde zu gewinnen. Aber die Gewalt schenkt keinen Ort, sie zerstört die Möglichkeit des orthaften Wohnens. Es ist erschütternd zu sehen, wie die Gewalt auf der Erde ständig zunimmt und ihre zerstörerische Kraft wächst. Mit Gewalt kann die Gewalt nicht überwunden werden. In der Zeit der Gewalt ist die Prognose für die Zukunft düster. Statt dem Zusammen-Leben entwickelt sich ein Gegeneinander-Leben. Der Kampf aller gegen alle nimmt verschiedene Formen an. Das Übertrumpfen-Wollen beherrscht nicht nur das Konkurrenz-Denken der Wirtschaft, das Ringen um die Macht in der Politik, den Drang nach Neuheit in der Kunst. Zugleich kommt es zu einer zunehmenden Isolierung. Jeder versucht sich abzukapseln und hat nur noch Augen für das, was sein Gebiet ist, in dem er herrschen will.

Warum muss darauf hingewiesen werden? Was hat das mit der Insel zu tun? Scheinbar nichts, in Wirklichkeit alles. Denn die Insel ist der verwandelte Raum, also der Ort, wo das Wohnen des Menschen gesucht, wo es vorbereitet wird. Ohne Ort geht das Sein des Menschen verloren. Zwar vegetiert er weiter, aber er lebt nicht eigentlich. Er geht auf im ständigen Kampf um das Sich-Durchsetzen. Und er sieht dies Sich-Durchsetzen im Gewinnen von Macht und Gewalt.
Warum benötigen wir die Insel? Weil uns durch sie der Ort geschenkt wird; weil wir durch sie die Erfahrung machen können, was es besagt, einen Ort zu haben, an dem wir wohnen können, an dem wir heimisch sind. Was Heidegger über das Wesen des Ortes sagt, im Zusammenhang mit seiner Trakl-Erörterung, hilft uns weiter beim Verständnis der Insel. »Der Ort versammelt zu sich ins Höchste und Äußerste. Das Versammelnde durchdringt und durchwest alles. Der Ort, das Versammelnde, holt zu sich ein, verwahrt das Eingeholte, aber nicht wie eine abschließende Kapsel, sondern so, dass er das Versammelnde durchscheint und durchleuchtet und dadurch erst in sein Wesen entlässt.« (Unterwegs zur Sprache, Pfullingen 1959, S. 37)
Als so eine Versammlung haben wir die Insel zu begreifen. Das ist ihre Aufgabe, ihre Bedeutung, das sie Auszeichnende. Sie erhält diese Bedeutung allerdings nur durch die Menschen, die zu diesem Ort gehören, diesen Ort bilden.

Zum Heimisch-Sein gehört das Vertraut-Sein. Das Vertraut-Sein mit der Natur, mit den Mit-Menschen, mit den Dingen unserer Umwelt, mit dem Über-Menschlichen, auch das Vertraut-Sein mit dem Un-Heimlichen. Denn es gibt kein Leben ohne den Tod. Die Insel ist der Ort des Vertraut-Seins. Die Natur ist hier nicht das vom Menschen Ausgebeutete und Ausgenützte, sondern das von ihm Gehegte, wobei die Pflege auf das Wachsende und Gedeihende eingeht. Es ist eine liebevolle Pflege. Der Wandel der Jahreszeiten wird hier besonders sichtbar.
Aber der Bezug zur Natur, so wichtig er ist, so sehr er die Basis für unser Leben bildet, erschöpft unser Dasein nicht. Der Bezug zur Kunst darf im menschlichen Leben nicht fehlen. Was geschieht in der Kunst? Sie befreit uns von dem Zwang des Nützlichen und Nutzbaren und eröffnet uns die Grundbezüglichkeit des Menschen zum Mitmenschen und zum Übermenschlichen. Auf der Insel ist nicht nur der Kontakt mit den Kunstwerken eröffnet, sondern zugleich auch der Kontakt mit den Künstlern selbst. Wir können an ihrem Schaffen teilnehmen, sei es im Bereich der bildenden Kunst, sei es im Bereich der Musik oder der Dichtung.
Die Nähe zu den Künstlern bereichert uns, öffnet uns für das Geschehen, das in der Kunst stattfindet. Es ist das Geschehen der Wahrheit. Wir sind gewohnt, Wahrheit als die Übereinstimmung der Aussage mit der Sache zu verstehen. Das ist unzutreffend. Damit solch eine Übereinstimmung möglich sein soll, dazu ist die Voraussetzung, dass der Mensch offen ist für das ihm Begegnende. Heidegger nennt das die Offenständigkeit. Und das sich ihm Zeigende muss zugänglich sein, also auch im Offenen sein. In der Kunst geschieht ein Entbergen – nicht nur des Seienden, sondern des Bezugs des Menschen zum Seienden. Diesen Bezug sehen wir gewöhnlich nicht, sondern nur, was durch ihn zugänglich wird. Dieser Bezug ist nicht ein für allemal feststehend, sondern muss sich immer von neuem entfalten. Und je nach der Entfaltung wird uns unsere Welt zugänglich.

Wir sind heute so fasziniert vom wissenschaftlich-technischen Erfassen und Beherrschen der Natur mit seinen großartigen Erfindungen und Ergebnissen, dass wir uns nicht Rechenschaft geben, dass diese Beherrschung der Natur auch die Gefahr ihrer Zerstörung mit sich bringt, aber wir wissen noch wenig über die Wandlung, die dem Menschen selbst aufgezwungen ist, der diese Einstellung ertragen muss. Gerade in der Kunst können wir darüber etwas erfahren. Ich sagte einmal, wir leben wie verblendete Blinde, die ihre Blindheit nicht kennen. Die Kunst und auch die Philosophie vermögen uns zu erhellen. Die Insel ist der Ort, wo das Zusammensein, Zusammenleben, Zusammenwirken der Menschen uns aus der Hetze unserer Zeit erlöst und uns so Distanz gewinnen lässt zu dem, was uns zwingt, erdrückt, und das heißt zugleich, begrenzt. Denn die Insel ist offen für die Mannigfaltigkeit der möglichen Beziehungen des Menschen. Sie ist ein Ort des Schaffens, des Betrachtens, des Meditierens. Hier kann sich ein Gespräch entfalten zwischen den Suchenden, die auf eigenen Pfaden gehen, aber die Auseinandersetzung benötigen, ungezwungen von Pflichten und Aufgaben. Zur Haltung der Insel gehört auch das Fördern von jungen Begabungen und das Darbieten von hervorragenden Aufführungen – um so den Sinn für die Kunst bei immer weiteren Kreisen zu entfalten. Wir bedürfen alle dieser Entfaltung. Hier gibt es Leben ohne Gewalt, hier gibt es die Freude der wahren Begegnung. Als dieser Ort ragt die Insel in unserer Welt wie eine »Insel« aus dem gehetzten Getriebe heraus. Dafür müssen wir alle dankbar sein und glücklich, wenn wir Mitglieder dieses Ortes sein, am Inselleben teilhaben können.
Zum Ort gehört eine bestimmte Atmosphäre, eine bestimmte Stimmung – denn in der Stimmung geschieht ein Entfalten der Offenheit. Welches ist die Stimmung der Insel? Es ist die Freiheit für das, was unser Leben beglückt, beschwingt, bewegt. Es ist zugleich die Stille – die alles Störende abhält und uns so zu uns selbst finden lässt, gerade im Eingehen auf das, was die Anderen tun, uns sagen, zeigen. So wird die Insel zum Ort des »Gesprächs«. Wir lernen, aufeinander zu hören. In diesem Hören-Können geschieht die eingangs genannte Versammlung, die den Ort auszeichnet und Freundschaft stiftet. Denn die Insel ist ein Ort der Freundschaft.